Aufs Dach gestiegen

Neue Wohnungen braucht das Land. Vielerorts fehlt bezahlbarer Wohnraum – insbesondere in großen Städten. Nachverdichtung ist das Gebot der Stunde. Holzbauprofis haben bereits eine Lösung gefunden.

Vater, Mutter, Tochter: Drei Gesichter grinsen in die Kamera – eingerahmt von einem dicken, goldenen Streifen. Darunter steht geschrieben: „Familie Meier sucht ein Zuhause! Drei Zimmer, Küche, Bad. Maximal 1.100 Euro.“ Plus eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse auf flatternden Abreißzetteln. Eine ganz normale Familie sucht an einer Fußgängerampel im Kölner Süden nach einer neuen Wohnung. Das ist unkonventionell, aber kein seltenes Bild in der Rheinmetropole – und nicht nur dort.

In vielen deutschen Städten konkurrieren Gering- und Normalverdiener um ein knappes Gut: bezahlbaren Wohnraum. Hinzu kommt: Der Kampf um günstige Wohnungen wird künftig noch härter, die Wohnungsmärkte in den größeren deutschen Städten immer angespannter. Neue Wohnungen braucht das Land. Doch Rettung naht: Es gibt eine Chance. Nachverdichtung lautet für viele Experten das Gebot der Stunde und der Holzbau liefert eine Lösung. Insbesondere auf den Dächern von bereits bestehenden Mehrfamilienhäusern sollen neue Wohnungen geschaffen, Gebäude mit weiteren Etagen aufgestockt werden. „Holz ist dafür besonders gut geeignet, weil es leicht und flexibel ist“, sagt Peter Schmücker von der Zimmerei Lüddecke in Sprockhövel.

Wie wollen wir wohnen?

Der Holzbauprofi weiß, wie Aufstockungen funktionieren. Mit seinem Team baut er immer häufiger Bestandsgebäude um – und zwar mit Holzmodulen. Schmücker lässt im eigenen Werk Wand- und Bodenelemente produzieren, mit denen er in kürzester Zeit ein Haus erweitern kann. Neben den optisch ansprechenden Kombinationen aus Holz und Holzrahmen-Elementen entstünde auch ein einzigartiges Wohn- und Lebensflair, sagt Schmücker. „Eine Dachaufstockung sorgt aber nicht nur für neue, größere Räume, sondern spart dank modernster Bau- und Verarbeitungsweise auch zukünftig Energiekosten.“ Und die Aufstockung gehe schneller als gedacht. „Innerhalb eines einzigen Tages können wir das neue Dachelement einbauen“, berichtet Schmücker. „Wir nehmen das alte Dach ab, setzen die neue Dachaufstockung drauf – ganz einfach, passgenau und fertig“, sagt er mit einem Lächeln. Die Hausbewohner müssten so keine einzige Nacht ohne Dach auskommen.

Während Schmücker häufig außerhalb oder an der Peripherie urbaner Ballungsräume aufstockt, ist gerade in den Metropolen schnelle Hilfe gefragt. Denn immer mehr Menschen drängen in die Städte. Es müsste deutlich mehr gebaut werden. Doch es fehlt an Flächen für neue Bauten. „Warum nehmen wir nicht einfach, was wir bereits haben“, fragt Karsten Tichelmann, Professor für Tragwerksentwicklung am Fachbereich Architektur der Technischen Universität (TU) Darmstadt. Der Holzbauexperte verfolgt die Entwicklungen am deutschen Immobilienmarkt genau. Gemeinsam mit Wissenschaftlern des Eduard Pestel Instituts für Systemforschung in Hannover erschloss er die Potenziale für neuen Wohnbau innerhalb der Städte. Das Ergebnis der Erhebung ist zahlenmäßig eine kleine Sensation. Die Forscher fanden rund 580.000 für Aufstockungen geeignete Wohnhäuser in Gegenden mit einem angespannten Wohnungsmarkt.

„Eine Dachaufstockung sorgt nicht nur für neue Räume, sondern spart dank modernster Bauweise auch Energiekosten.“
- Peter Schmücker, Zimmerei Lüddecke

Drei plus zwei

Säbu-Holzbau hat in München einen dreigeschossigen 50er-Jahre-Bau aufgestockt.

Luxusplatte

Das Projekt „Holzhäuser auf Plattenbauten“ vom Büro 213 Architekten in Berlin-Prenzlauer Berg.

Ausgezeichnete Modernisierung

Die Ford-Siedlung in Köln wurde bereits 2011 vorbildlich saniert und jedes Haus um ein Geschoss erweitert.

Bahn frei für Holz

„Die lassen sich um eine oder zwei Etagen aufstocken“, berichtet Tichelmann. „Damit könnten allein auf Nachkriegsbauten 1,1 Millionen neue Wohnungen mit einer Wohnfläche von mehr als 84 Millionen Quadratmetern entstehen“, summiert er die Hochrechnungen. Die Suche nach neuen Grundstücken entfiele, und es würden weniger Freiflächen bebaut. Außerdem stünden in den Gebäuden bereits Leitungen für Wasser, Strom und Heizung zur Verfügung. Anders als bei einem Neubau auf der grünen Wiese entfielen auch die Erschließungskosten für Straßen und Zufahrtswege.

Bahn frei also für eine Holzbauoffensive im urbanen Wohnungsbau? „Ja, klar“, meint Friedrich Nagel, Geschäftsführer von Säbu-Holzbau. Er hat mit seinen Mitarbeitern bereits in Städten aufgestockt – zum Beispiel in München, Stuttgart und Darmstadt. „In der Attenkoferstraße in München haben wir zuletzt 52 Wohnungen auf einen dreigeschossigen Wohnblock aus den 1950er-Jahren gesetzt“, berichtet der Diplom-Ingenieur. Mit der Aufstockung stehen dem Bauherrn, einer Münchner Wohnungsbaugesellschaft, ca. 5.200 Quadratmeter Wohnfläche zusätzlich zur Verfügung – ohne Mieteinbußen während der Bauzeit.

Aufstockung ist Zentimeterarbeit

Denn: „Die kompletten Baumaßnahmen wurden im Bestand durchgeführt“, sagt Nagel. Die Wohnungen in München-Sendling seien währenddessen bewohnt gewesen, die Zeit drängte. „Wir nehmen den Leuten ja das Dach weg“, sagt er. Die Aufstockung müsse deswegen innerhalb von maximal zehn Tagen fertig sein. Kein Problem für Nagel und seine Männer. „Denn die Wohnqualität im Haus wird kaum beeinträchtigt, wir fertigen die notwendigen Konstruktionen in unserem Betrieb an“, sagt er. Im Anschluss werden die bereits vollständig geschlossenen Holzbauteile verladen, mit Spezialfahrzeugen zur Baustelle transportiert und dort innerhalb eines Tages auf das aufzustockende Geschoss gesetzt. So könne die Lärm- und Schmutzbelästigung minimiert werden, sagt der Experte. „Holz ist als Material dafür besonders geeignet, da es flexibel einsetzbar ist und das bestehende Gebäude am wenigsten belastet.“ Trotz seines geringen Eigengewichts besitze es eine hohe Festigkeit. So sei eine flexible Lastenverteilung möglich. Dennoch: Die Aufstockung müsse punktuell auf das bestehende Gebäude abgesetzt werden. „Die tragenden Stellen sind überall anders und die Statik ist das größte Problem“, sagt Nagel. Deswegen sei das Absetzen der Aufstockung oft Zentimeterarbeit. „Die dafür notwendige Querzugverstärkung wurde mithilfe von SPAX realisiert“, berichtet Chefplaner Nagel.

Dachaufstockungen sind übrigens nur eine Lösung des Wohnungsmangels. Neben der Möglichkeit, in die Höhe zu bauen, gibt es Ansätze, anzubauen, Baulücken zu schließen, Innenhöfe zu nutzen, Parkplätze zu überbauen oder ungenutzte Gebäude nutzbar zu machen. Und wenn konsequent verdichtet wird, haben auch wieder ganz normale Familien Aussicht auf eine geräumige Wohnung – selbst in gefragten Lagen wie der Kölner Südstadt.

„Holz ist als Material dafür besonders geeignet, da es flexibel einsetzbar ist und das bestehende Gebäude am wenigsten belastet.“ - Friedrich Nagel, Geschäftsführer von Säbu-Holzbau

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