Bewahren statt zerstören

Ausgebaute Kuhställe, entfremdete Dorfhäuser und modernisiertes Fachwerk: Die Sanierung von Bauten wird immer gefragter – auch im Holzbau. Zur Symbiose von alt und neu.

Verwittertes Holz, abgewetzte Bohlen, leeres Fachwerk: Das alte Haus im westfälischen Minden sieht wie eine Ruine aus. Der Bau ist nur noch ein Skelett. Durch das Entfernen vieler Tonnen Bauschutt wurde das ursprüngliche Fachwerkskelett aus dem 15. Jahrhundert wieder sichtbar. „Zu unserer großen Freude war die ursprüngliche Konstruktion gut erhalten“, sagt Architekt Andreas Rehmert. Der 49-Jährige ist gelernter Tischler. „Das hilft manchmal bei der Arbeit mit alten Holzhäusern“, sagt er. Nicht selten hat er es mit Baudenkmälern zu tun. Rehmert weiß: „Um sie zu erhalten und entsprechend unseren heutigen Anforderungen zu nutzen, muss der Entwurf behutsam mit der vorhandenen Bausubstanz des Gebäudes umgehen.“ Gleichzeitig betont er: „Auch in alten Gebäuden kann viel Neues entstehen.“

Sie werden immer häufiger zu einer Spielwiese für architektonische Ideen. Verändert werden sie von fast gar nicht bis komplett, je nach Budget und Geschmack. Denn: „Sowohl die charmanten Unregelmäßigkeiten eines alten Balkens als auch die Annehmlichkeiten moderner Wohnkonzepte sind attraktiv für Eigenheimbesitzer“, ist sich Rehmert sicher. Hinzu kommt: „Wer die Spuren der Vergangenheit nicht einfach wegrenoviert, sondern gekonnt in Szene setzt, verleiht einem Haus erst den gewissen Charme.“ Rehmert ist mit dieser Meinung nicht allein. Immer häufiger gilt: bewahren statt zerstören. In ganz Deutschland engagieren sich Kenner und Liebhaber für den Erhalt historischer Bauten.

Einer von ihnen ist auch Philipp Baumhauer. Der Architekt ist überzeugt: „Historische Materialien oder eine fast vergessene Technik können gemeinsam mit zeitgenössischen Formen und modernen Farben ein spannendes Gesamtbild ergeben.“ Der Berliner weiß, wovon er spricht. Im schweizerischen Florins bei Tarasp hat er ein altes Engadinerhaus saniert. Inmitten eines kleinen Dorfes – fünf Häuser, ein Brunnen – steht es.

„ALTES ERHALTEN, NEUES SCHAFFEN“

Stilprägend für diesen Bautypus sind wuchtige Steinmauern. Diese hat er mit Holz verbunden und einen gemütlichen Zweitwohnsitz geschaffen. Das 500 Quadratmeter große Gebäude fügt sich gut ein. Nur die helle Holzfassade des hinteren Gebäudeteils verrät, dass hier kürzlich etwas passiert sein muss. Im Innern vermitteln weißer Kalkputz, traditionelles Mobiliar und Fußböden aus Holz Gemütlichkeit.

„Wer die Spuren der Vergangenheit nicht einfach wegrenoviert, sondern gekonnt in Szene setzt, verleiht einem Haus den gewissen Charme.“
- Andres Rehmert, Architekt und Zimmermann

„Je mehr wertvolles Handwerk vor unseren Augen verschwindet, desto mehr verspüre Ich den Drang, es zu erhalten.“

Die klassischen Rundbögen und tiefen Fensterlaibungen hat Baumhauer erhalten. Doch er beschränkt sich nicht aufs Bewahren. Er erläutert: „Mit einem eingestellten und statisch eigenständigen Holzkörper haben wir nicht nur das Wärmeproblem gelöst, sondern vier neue Räume geschaffen.“ Eigensinnig drückt sich der Holzkorpus nun durch die Außenfassade. „Wir haben also einerseits das alte Haus erhalten und dennoch etwas Neues geschaffen, indem wir den Bestand weiterentwickelt haben“, sagt der Berliner. Baumhauer ist der Erhalt alter Bauten ein persönliches Anliegen: „Je mehr wertvolles Handwerk vor unseren Augen verschwindet, desto mehr verspüre ich den Drang, es zu erhalten“, sagt er. Baumhauer plädiert für „eine vernünftige Symbiose aus alt und neu“.

Thomas Kröger, ebenfalls Architekt in Berlin, sieht den Erhalt historischer Gebäude hingegen etwas ambivalenter. In einem 140 Jahre alten, ehemaligen Kuhstall in der Uckermark machte er die Probe aufs Exempel: „Wir wurden beauftragt, das Gebäude zu sanieren und zu einem Wohnhaus umzubauen“, sagt er. Trotz des beauftragten Holzschutzgutachtens mussten er und sein Team im weiteren Verlauf des Projekts den tatsächlichen Austausch schadhaften Konstruktionsholzes von 30 auf 70 Prozent hochkorrigieren.

„ES SOLL JA NICHT ZU NEU AUSSEHEN“

Am Ende stellte er fest, dass der Stall schwer zu retten war. „Wir mussten viel von dem alten Holz austauschen, weil der Insektenbefall den Erhalt der Bausubstanz nicht ermöglichte“, sagt Kröger. Dennoch wollte er kein gänzlich neues Gebäude errichten. „Der Bestandsbau befindet sich im Dorf an exponierter Stelle“, erklärt der Architekt. Um das Ortsbild nicht zu verändern, entschied sich Kröger für den Rettung des Baus. „Die gesamte Längsfront des Ziegelbaus ist erhalten; selbst das alte Tor wurde nicht erneuert“, sagt er.

Für Kröger, der selbst auf dem Land aufwuchs, stand schon in der Entwurfsphase fest: Die Scheune sollte auch nach dem Umbau als solche erlebbar bleiben. Im Inneren wurde das Gebäude bis auf die Konstruktion entkernt und räumlich neu organisiert. Die so entstandene zentrale Halle wurde zum Garten durch breite Wandöffnungen in der Fassade. „Dazu haben wir die dicken Mauern mit ihren kleinen und hoch sitzenden Kappenfenstern parabelförmig zu drei großen Torbögen geöffnet und so die räumliche Großzügigkeit der Anlage zum Vorschein gebracht“, erläutert Kröger.

Das Ergebnis ist eine Art Hallenhaus, dessen zentrale Halle im Erdgeschoss über drei große, mit massiven Holztoren verschließbare Rundbogenöffnungen mit dem Garten verbunden ist. Um den Wohnraum mit einer Feuerstelle gruppieren sich die beiden Wohntrakte. „Auf der einen Seite liegt der Wohnbereich der Bauherrnfamilie, auf der anderen findet sich eine Ferienwohnung“, berichtet Kröger.

„Es sollte aber auch klar sein, dass der Spagat zwischen Tradition und Moderne nicht überall gelingt“, sagt er. Verwittertes Holz gehört im Uckermarkschen Stall übrigens zum Prinzip. Nur ist es nicht historisch, sondern brandneu. Die Bohlen wurden eigens für den umgebauten Stall der Witterung ausgesetzt – oder wie Kröger es nennt: „vorbewittert“. Der Architekt konstatiert augenzwinkernd: „Es soll ja nicht zu neu aussehen.“

Upgrade. Neuer Wohnraum durch Anbauen und Umbauen

Die Gestalten Verlag, Berlin, 2017, 256 Seiten, 29,99 Euro, ISBN 978-3-89955-910-1
in English: ISBN 978-3-89955-699-5

Der Bildband „Upgrade. Neuer Wohnraum durch Anbauen und Umbauen“ aus dem Gestalten Verlag lädt auf architektonischen Entdeckungsreise ein und präsentiert, wie Architekten Lebensräume von kleinen Veränderungen bis hin zu kompletten Renovierungsprozessen gestalten.

Holzskelett

Eine freigelegte Fachwerkkonstruktion im westfälischen Minden.

Holz im Dorf

Ein saniertes Engadinerhaus passt sich im schweizerischen Florins in die Szenerie ein.

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