Shigeru Ban

Shigeru Ban spricht im Xpertise-Interview über seine Liebe zu natürlichen Materialien und darüber, wie sie optimal zu nutzen sind. Außerdem verrät der Pritzker-Preisträger, warum ihm das Bauen in Krisengebieten wichtig ist.

„ICH WILL ARCHITEKTUR ERSCHAFFEN, DIE DEN EINFACHEN MENSCHEN GEWIDMET IST.“
- Shigeru Ban, Architekt

Zur Person

Shigeru Ban

Ein Stararchitekt ohne Starallüren, der keine Stararchitektur von der Stange macht: Das ist Shigeru Ban. Der 60-jährige Japaner erhielt 2014 den Pritzker-Preis.

Er gilt als einer der wichtigsten Architekten unserer Zeit – auch weil er neben luxuriösen Villen funktionale Notunterkünfte realisiert.

Shigeru Ban

Herr Ban, Sie haben am Hauptsitz von Swatch in Biel in der Schweiz gearbeitet. Ein Teil der Büro- und Produktionsgebäude ist bereits fertig. Was hat Ihr Design inspiriert?

Bei dem einen handelt es sich um den Hauptsitz des einen Unternehmens und bei dem anderen um ein Produktionsgebäude für ein anderes Unternehmen. Diese beiden Marken verfolgen verschiedene Konzepte und haben einen unterschiedlichen Geschmack. Eine der beiden Marken ist sehr natürlich, organisch. Die andere hingegen ist streng. Ich wollte einen Kontrast zwischen den beiden herstellen.

Für die Schweizer Firma Tamedia haben Sie ein Bürogebäude nur aus Holz und ohne eine einzige Schraube oder auch nur einen Nagel gebaut. Können Sie Ihre Liebe für Holz erklären?

Ich versuche, Holz einzusetzen, wo und wann immer es möglich ist, solange die architektonischen Vorschriften eingehalten werden. Ich möchte in meinem Design so oft wie möglich Holz verwenden. Ich persönlich liebe natürliche Materialien, vor allem Holz. Außerdem interessiere ich mich sehr für lokale Materialien. Deutschland und die Schweiz sind die Länder, in denen die Holzindustrie auf der Welt am weitesten entwickelt ist. Besonders in Biel gibt es eine Einrichtung, die auf Holz spezialisiert ist. Als ich am Dach des Centre Pompidou in Metz arbeitete, führten wir in dieser Einrichtung Materialversuche mit Holz durch.

Für das Tamedia-Gebäude ist die Verbindungstechnik sehr prägend. Wie wichtig ist die Technologie in der Entwurfsphase?

Ich habe kein Interesse daran, ungewöhnliche Formen zu schaffen, die wohl heute in Mode sind. Die digitale Fertigung ermöglicht es uns, bei der Holzbearbeitung eine höhere Genauigkeit und Präzision zu erreichen. Sie ermöglicht uns auch, die Dauer des Bearbeitungsprozesses zu verkürzen. Mein Ziel ist es, sie effektiv in Fertigungsprozessen einzusetzen, nicht während des Gestaltungsprozesses.

Viele Ihrer Gebäude zeichnen sich durch spektakuläre Dachkonstruktionen aus, wie die des Centre Pompidou in Metz oder die gebogene Freiformbauweise vor dem Swatch-Gebäude. Warum legen Sie einen besonderen Schwerpunkt auf die Gestaltung des Daches?

Das Dach ist der wichtigste Teil der Architektur. Die Notwendigkeit von Wänden hingegen hängt vom Kontext des Gebäudes ab. In meinem Projekt in Sri Lanka habe ich beispielsweise Wände entworfen, die als Beleuchtung dienen und offen sind, um sich an das lokale Klima anzupassen. Das Dach hingegen ist immer der wichtigste Teil. Wenn ein Gebäude zum Zweck des Geldes gebaut wurde, wird es nicht lange Bestand haben, auch wenn es solide gebaut wird. Jedes Mal, wenn es zu einem Wechsel des Eigentümers oder Entwicklers kommt, wird es sogar innerhalb weniger Jahre nach dem Bau zerstört.

„WENN DIE LEUTE EIN GEBÄUDE LIEBEN, WIRD DAS GEBÄUDE LANGE BESTEHEN BLEIBEN.“
- Shigeru Ban, Architekt

Neben großen kommerziellen Projekten realisieren Sie regelmäßig kostenlos Gebäude in Krisengebieten. Was ist Ihre Motivation dafür?

Architektur steht oft in Verbindung mit privilegierten Menschen. Ich wollte aber Architektur erschaffen, die den einfachen Menschen gewidmet ist, nicht nur den privilegierten Leuten. Wenn es beispielsweise zu einem Erdbeben kommt, sterben die Menschen aufgrund der zerstörten Gebäude. Nicht das Erdbeben tötet die Menschen. Das zerstörte Gebäude tötet sie. Wir sehen oft Notunterkünfte in sehr schlechtem Zustand, in denen die Opfer leben müssen, während sie auf den vollständigen Wiederaufbau warten. Ich denke, es liegt in der Verantwortung der Architekten, die Qualität der Wohnbedingungen zu verbessern. Es ist wichtig, dass die Menschen auch unter solchen Umständen komfortabel leben.

In diesen Charity-Projekten helfen oft Laien wie Studenten oder Freiwillige beim Bau. Berücksichtigen Sie das, wenn Sie Gebäude entwerfen?

Ja. Ich achte darauf, dass die Materialien nicht zu schwer sind, damit jeder sie tragen kann. Während ich die Details ausarbeite, versuche ich diese so einfach wie möglich zu gestalten, damit auch normale Leute und nicht nur Bauprofis sie verstehen können.

2014 erhielten Sie den Pritzker-Preis, der als der Nobelpreis der Architektur angesehen wird. Die Gesellschaft erklärt Sie zu „einem der einflussreichsten zeitgenössischen Architekten“. Ungeachtet dieser Anerkennung: Welche Ziele haben Sie noch?

Ich denke nie an irgendwelche Ziele. Ich arbeite jeden Tag hart, um die architektonischen Probleme lösen zu können, mit denen ich konfrontiert werde.

Eine Konstante in Ihrer Arbeit ist der Einsatz von Materialien wie Papier und Holz. Warum plädieren Sie vor allem für Holzbauten anstelle von Stahl oder Beton?

Holz ist anfälliger als Stahl. Es ist schwierig, Holz zu verarbeiten. Ich versuche immer, mir zu überlegen, wie man die Eigenschaften von Holz optimal nutzen kann. Ich möchte das Design unter Berücksichtigung der für Holz spezifischen Eigenschaften entwickeln.

Sie wurden mit temporären Bauten berühmt. Ist es Ihnen wichtig, dass jedes Ihrer Gebäude – zumindest theoretisch – in Einzelteile zerlegt und recycelt werden kann?

Ich unterscheide nicht zwischen temporär und permanent. Es sind nicht die Materialien, die die Dauer des Bestands von Bauten bestimmen. Ich denke, es ist die Liebe der Menschen, die sie bestimmt. Wenn die Leute ein Gebäude lieben, wird das Gebäude lange bestehen bleiben. Wenn nicht, wird es sehr schnell zerstört. Die Paper Church in Kobe habe ich beispielsweise nach einem Erdbeben im Jahr 1995 gebaut. Zuerst dachten die Leute, sie sei etwas Temporäres, aber sie stand dort zehn Jahre lang. Dann wurde sie nach Taiwan gebracht und dort steht sie nun bereits seit 2008 permanent.

HOLZSCHLANGE

36.760 SPAX wurden im schweizerischen Biel von Shigeru Ban und dem Holzbau-Unternehmen Blumer-Lehmann verbaut.

KONZERTHAUS

Eine gigantische gläserne Perle baute Shigeru Ban in Paris. Holz durfte natürlich nicht fehlen.

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