Träume aus Treibholz

Betten sind rein funktionale Gegenstände, zumindest wenn in Serie produziert und aus dem Einrichtungshaus. Kommen sie aus der Werktstatt des bayerischen Kunsthandwerkers Axel Kindermann, vollzieht sich mit den Möbeln eine magische Metamorphose - dem ungewöhnlichen Baumaterial sei Dank.

Ein Freitag im Frühherbst. Axel Kindermann braucht ein neues Bett. Ins Möbelhaus zu fahren, kommt für ihn nicht infrage, Kindermann ist begeisterter Heimwerker. Die neue Schlafstätte will er sich selber zimmern. Auf Baumarkt-Holz hat er aber auch keine Lust. Bei einem Spaziergang zum Bodensee, der nicht weit entfernt von seinem Haus in Weißensberg, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Lindau, liegt, reift eine Idee. Als er am Ufer steht, fällt ihm das viele Treibholz auf, das der Rhein aus den schweizerischen Bergen

in Deutschlands größten See spült. Kindermann nimmt ein Stück Holz in seine Hände. Er streicht mit den Fingerspitzen über die ungewöhnlich glatte, warme Oberfläche. „Es fühlte sich an, als würde ich ein Lebewesen streicheln, es fühlte sich seltsam lebendig an“, sagt er. Und plötzlich weiß er es genau: „Aus so einem Holz soll mein neues Bett sein!"

Das Erlebnis ist nun zehn Jahre her. Kindermann, heute 47, erzählt es im Rückblick. Damals wusste er noch nicht, dass er eine einzigartige Geschäftsidee geboren hatte: Aus seiner impulsiven Entscheidung, aus Treibholz ein Bett zu bauen, ist für den selbstständigen Kameramann und Filmemacher ein zweites Standbein erwachsen. Inzwischen zimmert er die Möbel auch für andere Menschen. Kein Wunder, schließlich sehen die Betten aus, als würden sie einer verwunschenen Welt entstammen.

Auf ungewöhnlichem Wege besorgt Kindermann auch das Material. In hüfthohen Anglerstiefeln steigt er in den Bodensee und watet durch das Gewässer, während er nach besonders eigenwillig geformten Hölzern sucht, die auf der Oberfläche treiben. „Ich hole das Holz immer direkt aus dem Wasser“, sagt er. Denn sobald es am Ufer liegt, verrottet es schnell und wird unbrauchbar. Nicht jedes Stück sei geeignet, um zu einem Bett verarbeitet zu werden, sagt Kindermann. „Sowohl die Form als auch die Festigkeit des Holzes müssen stimmen. Es darf nicht zu sehr verwittert sein, sonst leidet die Stabilität. Es darf aber auch nicht zu frisch sein, sonst fehlt diese typische Treibholz-Patina.“ Diese mal hauchzart jadegrünliche, mal bläuliche Schicht auf der Oberfläche des Holzes macht den Charme seiner Betten aus.

„Jedes Bett ist ein Unikat. Ich fertige es so, wie der Kunde es haben will.“
- Axel Kindermann, Möbelbauer

„Ich baue Betten in allen Längen und Breiten“

Per Fahrrad transportiert Kindermann das Treibholz dann auf einem Bollerwagen, den er hinter sich herzieht, zu seinem Haus. Dort trocknet er die Holzstücke, indem er sie hochkant an die Hauswand lehnt. „Es ist ganz wichtig, das Holz nicht liegend, sondern hochkant zu trocknen, weil sich dann keine Käfer einnisten", sagt er und ergänzt: „Treibholz trocknet übrigens schneller als andere Hölzer, weil der See schon alle Mineralien ausgewaschen hat und das Material deshalb schneller Feuchtigkeit abgibt." Bis das Holz verarbeitet werden kann, vergehen im Schnitt drei Jahre. Seit er das Geschäft betreibt, hat er einen großen Vorrat angelegt. So kann Kindermann immer sofort loslegen, wenn ein neuer Kundenauftrag eintrudelt. Oft kommen die Kunden bei ihm persönlich vorbei.

Seine Käufer können ihr Traummodell aus mehr oder weniger wildem Treibholz und heimischen Edelhölzern wie Kirsche, Walnuss oder Birnbaum zusammenstellen. Aber auch aus dem nach Basilikum und Honig duftenden Holz der Zirbelkiefer. Kindermann geht gern auf die Wünsche der Kunden ein. „Ich baue Betten in allen Längen und Breiten und für jede Art von Rost und Matratze. Jedes Bett ist ein Unikat, ich fertige es so, wie der Kunde es haben will", erzählt er. Die Gestelle der Betten sind liebenswert krumm und verbogen, wie vom Wind krummgeweht, von den Wellen schiefgespült. Für eine profane Wohnung fast zu schade – zum Träumen ist es perfekt.

Zur Person: Axel Kindermann

Der ausgebildete Kameramann arbeitete für WDR, SWR
oder das Bayerische Fernsehen. Aktuell produziert er
als Selbstständiger Dokumentarfilme rund um die
Themen Natur, Bildung und Ökologie sowie Imagefilme
für Unternehmen. Die Arbeit mit Holz ist seine
Leidenschaft. An einem Bett baut er rund vier Wochen.
Ein Bett kostet durchschnittlich rund 1.400 Euro.
Neben Betten zimmert Kindermann auch Schaukelstühle und Tische.
Die liegen jeweils bei etwa 2.000 Euro.

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