Vorheriger Artikel:

Kleines Wunder

Nächster Artikel:

Digitale Schale

Hoch hinaus

Holz ist vielseitig, nachhaltig und längst ein Hightech-Werkstoff, der nicht nur für Gartenhäuser und Blockhütten taugt, sondern auch für Hoch- und Gewerbebauten. Gesetzlichen Hindernissen zum Trotz stößt der Holzbau dank mutiger Architekten und Bauträger in neue Dimensionen vor.

Steven Kellner hat langjährige Erfahrung im Holzbau. Doch zur Routine wird sein Job nie. Neuen Herausforderungen wie dem Neubau der Stadtwerke Lübeck sei Dank. Dort wurde im November 2014 das größte Holzbürogebäude Europas in Passivhausbauweise fertiggestellt. „Spannend wurde es, als die bis zu 30 Meter langen, CNC-gefertigten Unterzüge exakt in die vorhandenen Lücken eingepasst werden mussten“, erinnert sich Kellner, der als Projektleiter beim ausführenden Unternehmen Ed. Züblin AG in Zusammenarbeit mit der MERK Timber GmbH einen Großteil der Verantwortung trug. Dafür, dass bei schwierigen Bauabschnitten alles passte, sorgte außerdem die pbr Planungsbüro Rohling AG, die beim Projekt für die Ausführungsplanung verantwortlich war. Mit 51.000 Kubikmetern umbautem Raum und einer Geschossfläche von etwa 13.850 Quadratmetern hatten die Stadtwerke Lübeck für ihr neues Büro- und Verwaltungsgebäude ein Projekt ausgeschrieben, das im Holzbau schon rein quantitativ einen neuen Maßstab setzt.

Im September 2013 legten Kellner und Kollegen den Grundstein für den vier-geschossigen Neubau, Baustart war im Oktober und nur 13 Monate später wurde der Neubau fertiggestellt. Schon im Dezember 2014 bezogen 450 Mitarbeiter der Stadtwerke ihre neue Zentrale. Das Gebäude beheimatet 256 Büros, Konferenz- und Seminarräume, ein Service-Center und ein Restaurant. Als Tragwerk dient ein Holzskelett mit strahlenförmigen Längsachsen. Stützen und Träger bestehen aus Brettschichtholz, Decken und Dach aus Brettsperrholz. Dazu erhielt das Gebäude eine nichttragende Außenwand in Holzrahmenbauweise mit der erforderlichen Dämmstärke. „Die Festigkeitsklassen der Holzbauteile variieren dabei je nach den statischen Anforderungen, die Querschnitte sind im Hinblick auf den Brandschutz extrem überbemessen“, erläutert Kellner.

Brandschutz im Baurecht

Die Bauordnungen der Bundesländer sind nicht einheitlich. Die darin formulierten Anforderungen hängen von der jeweiligen Gebäudeklasse und der vorgesehenen Nutzung ab. In der Regel wird in der Gebäudeklasse 5 (unter anderem bis 22 Meter oberster Fußboden über Gelände) die feuerbeständige Bauweise vorgeschrieben. Dazu gehört auch die Anwendung nicht brennbarer Baustoffe in tragenden Teilen. Anforderungen dieser Art schließen die Holzbauweise in vielen Fällen zunächst formal aus. Es gibt jedoch Möglichkeiten, von solchen Vorschriften abzuweichen. Voraussetzung dafür ist der Nachweis, dass das geforderte Sicherheitsniveau durch sogenannte Kompensationsmaßnahmen gleichermaßen eingehalten werden kann. Aber: Die „Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an hochfeuerhemmende Bauteile in Holzbauweise“ als Bestandteil der meisten Landesbauordnungen wurde 2004 erstmals veröffentlicht und ist seitdem nicht mehr aktualisiert worden – sie hinkt dem aktuellen Stand der technischen Möglichkeiten also um mehr als zehn Jahre hinterher.

Brandschutz beachten

Denn während die technischen und ökologischen Vorteile des Baustoffs inzwischen unbestritten sind – Holz ist vergleichsweise leicht, gut verfügbar, gut zu verarbeiten, hat einen hohen Vorfertigungsgrad und gute Dämmeigenschaften –, ist der Brandschutz im Holzbau nach wie vor ein viel diskutiertes Thema. Zwar wird auch im Gewerbe- und Hochbau zunehmend Holz verwendet, die Grenzen des technisch Machbaren werden permanent erweitert. Doch die Gesetzgebungen der Länder folgen diesen Entwicklungen bei den Brandschutzbestimmungen bislang in unterschiedlicher Geschwindigkeit – und stellen Planer vor eine Reihe von Hürden.

Stoppen können sie den Holzbau auf dem Weg nach oben allerdings nicht. In Bad Aibling etwa steht seit 2011 der erste Achtgeschosser Deutschlands in Holzbauweise. Mit 570 Kubikmetern verbautem Holz wurde eine Wohn- und Nutzfläche von rund 1.740 Quadratmetern geschaffen. Der Fußboden des obersten Aufenthaltsraums befindet sich nur knapp unter der in Deutschland definierten Hochhausgrenze von 22 Metern über dem Geländeniveau. „Diese Grenze durften wir nicht überschreiten“, sagt Josef Huber, Geschäftsführer des ausführenden Holzbauunternehmens Huber & Sohn. Entscheidend für die Statik des Achtgeschossers ist eine von Huber entwickelte Holzmassivwand. Sie besteht aus dicht an dicht stehenden Stielen aus Vollholz. Dadurch entsteht ein massiver Holzkern, der mit Plattenwerkstoffen aussteifend beplankt wird. Auf der Außenseite sorgt eine Dämmschicht aus Steinwolle für den notwendigen Wärmeschutz. Beim Treppenhaus setzten die Planer von Schankula Architekten aus München, auf einen Trick, der auch beim Neubau der Stadtwerke Lübeck eingesetzt wurde. Es gilt als primärer Rettungsweg und wurde aus Stahlbetonfertigteilen gebaut. Als mineralisches Rückgrat steift es den umgebenden Holzbau gleichzeitig aus.

Die Gesetzgebungen der Länder folgen der Entwicklung im Holzbau in unterschiedlichen Geschwindigkeiten

Studentenwerk Bonn

Gerade im innerstädtischen Bereich ist Holzbau dank kurzer Bauzeiten und geringer Umweltbelastung ideal.

B&O-Park Bad Aibling

Auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne entsteht ein Stadtteil aus Holzbauten – mit einem Achtgeschosser als Leuchtturm.

Stadtwerke Lübeck

Der Neubau gilt als größtes Holzbürogebäude Europas in Passivhausbauweise.

Ressourceneffizient

Für den gesamten Neubau in Lübeck wurden 2.438 Kubikmeter Holz verbaut. Etwa so viel, wie in zehn Minuten in deutschen Wäldern wächst.

Energetisch wertvoll

Auch im Industriebau wird zunehmend Holz verwendet. Das Architekturbüro Banz+Riecks aus Bochum gewann mit der Planung einer Fertigungshalle im vergangenen Jahr sogar den Holzbaupreis NRW. „Mit dem Entwurf haben wir die Einsatzmöglichkeiten des Werkstoffes Holz bei großen, hochwärmegedämmten Industriebauten weiterentwickelt“, sagt Dietmar Riecks. Erstmals wurden neue Dimensionen im Holzrahmenbau realisiert: Der Industriebau ist 225 Meter lang, gut 56 Meter breit und umfasst rund 140.000 Kubikmeter umbauten Raum. Für Riecks stand außer Zweifel, dass Holz hier das richtige Material ist: „Mit vorgefertigten Elementen kann ein hoher Wärmeschutz für die Gebäudehülle einfach und solide erzielt werden.“ So hat das Architektenbüro den Industriebau zum Ökobau gemacht: Die Gebäudehülle ist so dimensioniert, dass kein Heizsystem benötigt wird. Lediglich an heißen Sommertagen wird die Halle durch aktive Außenluftspülung über Nacht gekühlt.

Doch Riecks greift nicht nur aus ökologischen Gründen gerne auf Holz zurück: „Im Vergleich zu anderen ist das Material nicht teurer, aber leistungsfähiger und auch die ausgereifte Verbindungstechnik wirkt sich positiv aus.“ Ökologisch und kostengünstig zu bauen, ist mit keinem anderen Werkstoff so gut möglich wie mit Holz. Vorausgesetzt die Planung stimmt. Nach diesem Ansatz soll nun auch in Bonn ein Passivwohnhaus mit Studentenapartments entstehen. Für Holz als Baustoff sprachen zudem der hohe Vorfertigungsgrad und die damit verbundene kurze Bauzeit für einen Holzbau. „Das dient nicht nur der Kostenreduktion, sondern auch einer möglichst geringen Belastung der Nachbarschaft im innerstädtischen Bereich“, sagt Architektin Mira Draeger vom ausführenden Büro „Raum für Architektur“. Auf einem 540 Quadratmeter großen Grundstück entsteht ein Fünfgeschosser, der rechts und links direkt an die Nachbarhäuser grenzt. 32 Apartments, davon vier Penthouse-Wohnungen, werden auf einer Wohn- und Nutzfläche von gut 1.100 Quadratmetern untergebracht. Die Decken bestehen aus sichtbarem Holz-Beton-Verbund. Um Brand- und Schallschutz gerecht zu werden, werden auf zehn Zentimeter starkem Massivholz zusätzlich 14 Zentimeter Beton gegossen. An den Wänden haben die Architekten Massivholz und Sichtbeton eingesetzt. Durch die natürlichen Dämmstoffe und massiven Baumaterialien, so Draeger, bleibe das Gebäude auch im Sommer angenehm kühl. „Wirkliches Neuland betreten wir aber mit den Brandschutzwänden aus Holz“, sagt sie. Diese massiven Holzwände werden unter anderem mit Mineralwolle gedämmt, dicker dimensioniert und gekapselt. Das gesamte Brandschutzkonzept entstand in enger Zusammenarbeit mit Experten und den Behörden – und zeigt, dass technische Innovationen und Geduld die besten Mittel sind, um auch gesetzliche Hürden zu meistern.

Verwandte Artikel

Xpertise - das exklusive Magazin von SPAX International   Jetzt abonnieren

Sie suchen einen Händler in Ihrer Umgebung?

Finden Sie ihn - mit der Händlersuche von SPAX

Newsletter

Newsletter

Melden Sie sich jetzt zum SPAX Newsletter an und Sie erhalten in Zukunft aktuelle Neuigkeiten zu SPAX per E-Mail.

Jetzt abonnieren

Kontakt

Kontakt

Nehmen Sie mit uns Kontakt aus.
Gerne beantworten wir Ihre Fragen.

Zum Kontaktformular