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Achim Menges

Der Leiter des Instituts für computerbasiertes Entwerfen (ICD) an der Universität Stuttgart ist überzeugt davon, dass sich Architektur und Fertigung im Holzbau durch die Digitalisierung grundlegend verändern.

„Dinge außerhalb unserer Vorstellungskraft“

Zur Person

Professor Achim Menges ist Mitbegründer und Leiter des Instituts für Computerbasiertes Entwerfen der Fakultät für Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart. Nach seinem Studium in Darmstadt und London arbeitete er neun Jahre lang in Lehre und Forschung an der Architectural Association School of Architecture (AA) in London. Seit 2009 ist Menges außerdem Gastprofessor an der Harvard University Graduate School of Design.

Herr Menges, Sie propagieren am ICD ein grundlegendes Umdenken in der Architektur. Warum hat der klassische Entwurfsprozess – erst die Form, dann die Umsetzung – ausgedient?

Die Computertechnologie ermöglicht uns einfach eine neue Herangehensweise. Seit es Computer gibt, geht vom ihnen eine starke Faszination aus. Aber auch eine gewisse Frustration, wenn das Ergebnis nicht so aussieht, wie es digitale Bilder suggeriert haben. Oft müssen nach der digitalen Formgebung hin zur baulichen Umsetzung enorme Anstrengungen unternommen werden, um einen Entwurf baubar zu machen. Bei dieser Postrationalisierung spielen Wirtschaftlichkeit, Materialien und Statik eine Rolle – und holen kühne Entwürfe schnell auf den Boden der Tatsachen zurück.

Sie beginnen stattdessen mit den Baumaterialien und ihren Eigenschaften und lassen die Form daraus folgen. Warum ist das besser?

Ich habe nie verstanden, dass man den Rechner nur als eine Art Geometrie- und Darstellungswerkzeug einsetzt. In meinen Augen ist der Computer eher so etwas, wie es das Teleskop oder das Mikroskop für die Menschen der Neuzeit waren. Computer und Simulationen erlauben uns heute einen Blick auf hochkomplexe Dinge, die zu verstehen sonst außerhalb unserer Vorstellungskraft läge. Als Architekt kann ich zum Beispiel Wechselwirkungen aus Raum, Form und Material abbilden, die ich vorher intuitiv so gar nicht erfasst hätte. Da sehe ich unsere Arbeit durchaus in der Tradition von Frei Otto. Er hat, sozusagen als analoge Rechner, seine berühmten Formfindungsmodelle genutzt.

Eine wichtige Rolle spielen – bei Ihrer Arbeit wie bei der von Frei Otto – biologische Prinzipien. Wo genau lassen Sie sich inspirieren?

Uns geht es nicht um gestalterische Inspiration, sondern darum, konstruktive Prinzipien aus der Natur zu abstrahieren und in die Architektur zu überführen. Das ist ein riesiges Reservoir an Ideen, die in keinem Lehrbuch zu finden sind. Plattenschalen, die mit Fingerzinken verbunden sind, gibt es einfach nicht als Tragwerkstyp. Um solche Mechanismen aufzuspüren, arbeiten wir von Anfang an eng mit Biologen zusammen. Dafür existiert zwischen den Universitäten Stuttgart, Tübingen und Freiburg inzwischen ein Sonderforschungsbereich.

Und wie wollen Sie ein Umdenken in der Architektenschaft anstoßen?

Mit guten Beispielen. So sehen die Kollegen, dass computerbasierte Entwürfe keine Exoten sind, die nur unter ganz besonderen Rahmenbedingungen funktionieren. Ein Bau wie der Forstpavillon ist in der Praxis sofort umsetzbar – als Gebäude, das alle Anforderungen an Baurecht, Wetterschutz, Lebensdauer, Kosten und Nachhaltigkeit erfüllt.

Stichwort Nachhaltigkeit. Können Sie beziffern, wie viel weniger Material Sie gegenüber einer konventionellen Konstruktion benötigt haben?

Das spezifische Flächengewicht der Plattenkonstruktion ist schon sehr gut. Man muss bedenken, dass wir mit einer Konstruktionsstärke von gerade einmal 50 Millimetern zehn mal 17 Meter weit spannen. Das ist wirklich dünn. Zum Vergleich: Die Schale eines Hühnereis wäre hochskaliert auf diese Gebäudegröße doppelt so dick.

Möglich wurde diese Konstruktion des Forstpavillons nur durch die Kombination von computerbasiertem Entwurf mit einer erstmaligen robotischen Fertigung. Wie gelingt nun der Transfer aus der Forschung in die Wirtschaft?

Das Nadelöhr ist weniger die Investitionssumme – so ein Roboter ist sogar günstiger als CNC-Maschinen –, sondern eher die Programmierung. Die ist noch sehr aufwendig. Anwender sollen künftig nicht mit einer universellen Software arbeiten, sondern mit spezifischen Applikationen. Also ähnlich zur Idee des Smartphones. Wir haben den Roboter als Plattform und für jede Anwendung eine kleine App. Gleichzeitig müssen wir natürlich erst eine Generation von Architekten, Planern und Programmierern ausbilden, die so etwas können. Aber ich bin überzeugt, dass sich die robotische Fertigung in den nächsten zehn Jahren im Holzbau etabliert.

„Die Natur ist ein riesiges Reservoir an Ideen, die in keinem Lehrbuch zu finden sind.“

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