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Ludger Dederich

Der gelernte Zimmerer, Architekt und Professor an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg, beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Holzbau. Im Interview spricht er über Vorurteile, Trends und Chancen beim Bau mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz.

„Die Nägel sind fast alle weg.“

Zur Person

Professor Ludger Dederich leitet seit dem Jahr 2014 den Masterstudiengang Holzbau an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg. Der 51-Jährige ist gelernter Zimmerer und Architekt. Vor seinem Ruf an die Hochschule war Dederich beim Holzbau Deutschland Institut in Berlin sowie beim Holzabsatzfonds in Bonn tätig.

Herr Dederich, was hat sich im Holzbau seit Ihrer Lehre vor 31 Jahren verändert?

Eine ganze Menge. Im Nachkriegsdeutschland hatte Holzbau eine deutlich untergeordnete Rolle gespielt. Eine zarte Renaissance setzte erst in den späten 80er-Jahren ein. Auch als Reaktion einer intellektuellen Elite auf die Ölkrise. Noch wichtiger war dann aber die Entwicklung seit Mitte der 90er-Jahre. Neue Produkte und Technologien wie die OSB-Platte, das Brettsperrholz und der diffusionsoffene Holzrahmenbau haben geholfen, den Holzbau als zuverlässige, ökologisch motivierte Alternative zu etablieren – nicht nur im Wohnungsbau, sondern auch für Bildungs-, Büro- und Gewerbeimmobilien.

Wie lösen diese Projekte eines der häufigsten Gegenargumente – den Brandschutz?

Das ist gar nicht so schwierig. Denn Holz schützt sich bei Feuer im Grunde selbst. Die Kohleschicht wirkt wie eine Dämmschicht. Und wenn Sie Feuerwehrleute fragen, gehen die sehr viel lieber in ein brennendes Gebäude aus Holz. Da können sie aufgrund ihrer Erfahrungen und der Restquerschnitte gut beurteilen, wie tragfähig es noch ist. Anders als bei Stahl oder Beton, die spontan versagen. Wenn wir also ein Bauteil im Holzbau brandschutztechnisch bemessen, dann machen wir es einfach dicker, damit es länger dauert, bis es abgebrannt ist.

Noch ein Gegenargument: Wenn der Holzbau boomt, droht ein Kahlschlag in deutschen Wäldern.

Nein, auch das nicht. Mit der letzten Bundeswaldinventur 2014 wurde festgestellt, dass der Holzvorrat in Deutschland zunimmt. Obwohl die Nutzung von Holz intensiviert worden ist, nicht nur als Bau-, sondern auch als Brennstoff. Bei nachhaltiger Waldwirtschaft müssen wir uns um Kahlschläge keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Wenn ich alte Bäume ernte und verbaue, entsteht Platz für jüngere, die schneller wachsen und in der gleichen Zeit viel mehr CO2 binden als die alten. Insofern ist Holzbau ökologisch absolut sinnvoll.

Öko bedeutet aber immer auch teurer, oder?

Das kommt darauf an, wen Sie fragen. Lange hatte der Holzbau ein Image als Billigbauweise. Gebäude aus vorgefertigten Elementen hatten keinen guten Ruf. Andererseits sagen ganz viele Bauherren: Ein Holzbau ist für uns wirtschaftlich nicht umsetzbar, weil er immer zwischen acht und zehn Prozent teurer ist.

Und was stimmt nun?

Auch hier kommt es darauf an, wie man rechnet. Ein technischer Vorteil von Holzbauten ist zum Beispiel, dass schlankere Konstruktionen möglich sind. Bei gleicher Kubatur eines Gebäudes hat es unter anderem dünnere, also schlankere Wände und damit mehr Nutzfläche, die man vermarkten kann. Hinzu kommt: Holzbau ist trocken. Die Frage, wie man Baufeuchte aus dem Gebäude bekommt, stellt sich nicht, es gibt kaum Wartezeiten zwischen den verschiedenen Gewerken. Das verkürzt die Bauzeiten genauso wie der hohe Vorfertigungsgrad im Holzbau.

Der genannte Aufpreis relativiert sich also?

Mehr Nutzfläche und eine frühere Nutzung sind zumindest wichtige Argumente. Was dem Holzbau zugute-kommt, ist einfach eine sehr gepflegte, durchgängige Digitalisierung der Prozesse. Werkplanung, Arbeitsvorbereitung, der Abbund in den Betrieben – das ist alles EDV-gestützt und wird mit der entsprechenden Genauigkeit und Qualität bereitgestellt.

Das klingt ja fast schon nach Hightech. Ist Holz dabei, sein Image als weicher und alter Werkstoff abzulegen?

Das kommt, aber wir müssen noch viel mehr informieren. „Holz arbeitet“ ist ja auch so ein Vorurteil. Dabei gab es bei Bau- und Schnittholzprodukten inzwischen eine ganz wichtige Entwicklung. Das Holz wird einfach in der Feuchte bereitgestellt, die es dann auch im Gebäude im eingebauten Zustand hat. Damit kann man das „Arbeiten“ steuern. Das Material verändert sich in seinen Dimensionen nicht mehr.

Und welche Rolle spielen neue Verbindungstechniken?

Eine ganz wichtige. Ich war kürzlich noch mal in dem Betrieb, in dem ich vor mehr als 30 Jahren meine Zimmererlehre gemacht habe. Die Nägel sind fast alle weg. Es stehen überall nur Schraubenkisten. Das ist ja auch nur logisch. Wenn ich früher einen Balken falsch vernagelt hatte und musste ihn wieder lösen, dann war er anschließend ziemlich kaputt. Das passiert mir beim Schrauben nicht mehr. Noch wichtiger ist aber die übergeordnete Frage: Was passiert am Ende der Nutzung mit einem Gebäude? Schraubverbindungen kann ich ohne Probleme lösen und das meiste recyceln. Ein Betongebäude wird geschreddert und taugt höchstens noch als Untermaterial im Straßenbau.

Wenn es nach Ihnen ginge: Wie sähen die Städte in Deutschland in 20 Jahren aus?

Ach, ich persönlich wünsche mir ja gar nicht, dass die Republik von heute auf morgen nur noch in Holz baut. Denn dafür hätten wir sicher auch nicht genug Holz in den Wäldern. Aber ich möchte, dass der Holzbau als Option bei allen Bauaufgaben mitgedacht und nicht von vornherein ausgeschlossen wird. Denn ganz oft wird man nach eingehender Analyse feststellen, dass er durchaus Möglichkeiten und zudem viele Vorteile bietet.

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